Momentaufnahmen eines Denkmals - erzählt von Andreas Donati




Inschrift - DEM DEUTSCHEN VOLKE

Inmitten des ersten Weltkriegs wurde nach langer Diskussion der Schriftzug
"DEM DEUTSCHEN VOLKE" in Einzelbuchstaben aus Kupfer über dem Westportal am Reichstagsgebäude angebracht. Die zur Verfügung stehende Fläche hatte eine
Abmessung von 16,57 m  x 0,985 m.
Lange Zeit konnten sich die Parlamentarier und Kaiser Wilhelm II nicht einigen - Formulierungen wie "Schwatzbude" und "Reichsaffenhaus" unterstreichen, welches Ansehen der Deutsche Reichstag als Institution beim Kaiser hatte.

Erst im August 1916 wurde die Diskussion um die Inschrift ernsthafter betrieben und nachdem die Zeitungen wieder den Schriftzug "DEM DEUTSCHEN VOLKE" ins Spiel brachten,  wurde einer empfehlenden, schriftlichen Anfrage durch Arnold Wahnschaffe vom Kaiser nicht widersprochen, sollte die Ausschmückungskommission einen entsprechenden Beschuss fassen. Diese Entscheidung stellte wohl eine Art Zugeständnis an das kriegsgeschundene Deutsche Volk und seine parlamentarische Institution dar.
 

Foto Donati
                     

Das nebenstehende Bild gilt als Zeugnis
der Anbringung der Bronze-Buchstaben.
Es kann aber nicht ausgeschlossen werden,
dass das Bild bei späteren Reparaturarbeiten entstand.
Als Schrifttype standen die Antiqua und die Fraktur zur Diskussion, letztendlich entschied
man sich für eine Jugendstil-Schrifttype, die
den Vorteil hatte, dass alle Buchstaben gleich groß waren; sie haben eine Höhe von 60 cm.

Weihespruch über dem Westportal
Montage der Inschrift

Mit der Herstellung der Entwürfe für die Schriftzeichen wurde der Architekt Peter Behrens etwa 1915 beauftragt. In Zusammenarbeit mit der Schriftkünstlerin Anna Simons wurden Entwürfe
aus Karton hergestellt.
Die Bronzelettern wurden dann in der Bronzegießerei Loevy hergestellt, die diese auch am Reichstagsgebäude über dem Westportal (Dezember 1916) montierte. Die Bronze wurde aus eingeschmolzenen Beute-Kanonen von 1813 aus den Befreiungskriegen gewonnen, welche
durch den Kaiser Wilhelm II.  kostenlos zur Verfügung gestellt wurden.

Die jüdische Familie Loevy wurde später im Dritten Reich von den Nazis ermordet.

Insbesondere in den letzten Kriegstagen, wurde das Reichstagsgebäude Hauptziel des
russischen Angriffs. Von höchster militärischer Stelle der Roten Armee wurde vorgegeben,
dass die vermeintliche Machtzentrale der Nazis bis 30. April einzunehmen sei.
Auf das Reichstagsgebäude wurden so im Krieg ca. 1 Million Geschosse abgefeuert.

Die Inschrift hat die letzten, heftig umkämpften Kriegstage fast unbeschadet überstanden,
lediglich zwei Bronze-Letten fehlten: DEM _EUTSCHEN _OLKE

Inschrift 1945

     Aufnahme des Westportals mit der
     beschädigten Inschrift aus dem Jahre 1945  

Es ist nicht genau zu klären, wann die Inschrift wieder vervollständigt wurde - es wird aber angenommen, dass die Reparatur Ende der 50iger Jahre erfolgte.

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Quellennachweis:
- Michael S. Cullen - Der Reichstag, die Geschichte eines Monuments
- Deutscher Bundestag - Reichstag Aspekte
- Deutscher Bundestag - Fragen an die deutsche Geschichte
- Ullstein Verlag - 750 Jahre Berlin